Alphabetisierung in Afghanistan – Effekte und Wirkungen

Mangelnde Bildung und Analphabetismus sind in Afghanistan besonders für Frauen vordringliche Probleme. Deshalb legt der afghanische Erwachsenenbildungsverband ANAFAE, eine in 2005 gemeinsam mit DVV International gegründete Dachorganisation zur Förderung der Entwicklung lokaler Erwachsenenbildungszentren, besonders Wert darauf, gerade Frauen die Teilnahme an Alphabetisierungskursen zu ermöglichen. Denn die mit dem Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen verbundenen Fähigkeiten bedeuten mehr Freiheit und Selbstständigkeit.

Mangelnde Bildung und Analphabetismus sind in Afghanistan besonders für Frauen vordringliche Probleme. Deshalb legt der afghanische Erwachsenenbildungsverband ANAFAE, eine in 2005 gemeinsam mit DVV International gegründete Dachorganisation zur Förderung der Entwicklung lokaler Erwachsenenbildungszentren, besonders Wert darauf, gerade Frauen die Teilnahme an Alphabetisierungskursen zu ermöglichen. Denn die mit dem Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen verbundenen Fähigkeiten bedeuten mehr Freiheit und Selbstständigkeit.

In den ANAFAE Alphabetisierungskursen lernten 2018 neun Monate lang 8.000 Frauen in Kabul und Mazar-i-Sharif. Insgesamt 7.800 von ihnen bestanden den Abschlusstest. Ein Großteil der Teilnehmerinnen (88 Prozent) war mit dem Kurs sehr zufrieden, die übrigen mit Teilen. Keine der Frauen gab jedoch an, ganz unzufrieden gewesen zu sein.

Doch was passiert danach? Welchen Einfluss hatte der Kurs auf das Selbstbewusstsein und das Verhalten der Teilnehmerinnen? Ein Jahr nach Abschluss des Kurses hat DVV International in einer beauftragten Vergleichsstudie versucht, Antworten auf diese Fragen zu erhalten. Untersucht wurden die Wirkungen des Alphabetisierungskurses auf die Teilnehmerinnen im Vergleich zu Frauen, die keinen Kurs besuchten. Denn Annahme war, dass literate Frauen besser kommunizieren und sich in ihrer Umgebung besser orientieren können. Ihre soziale und räumliche Mobilität dürfte deshalb steigen und die Frauen in der Lage sein, aktiver am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und auch das Familieneinkommen zu verbessern.

Vorgehensweise der Vergleichsstudie

In der Studie wurde mit einer Kontrollgruppe gearbeitet, die genau dieselben sozio-ökonomischen Parameter aufwies wie die Gruppe, die eine Alphabetisierungsmaßnahme durchlaufen hat. Mit einer zufallsgenerierten Stichprobengröße von jeweils 400 Personen pro Gruppe nahmen ausreichend Personen an der Studie teil, um zu signifikanten Ergebnissen zu kommen. Beide Gruppen konnten so mit Blick auf bestimmte Verhaltensweisen konkret verglichen werden. Die Unterschiede lassen einen Rückschluss auf die Wirkung der Alphabetisierungsmaßnahme zu.

Entsprechend zeigt die Studie auf, welche Veränderungen sich für die Kursteilnehmerinnen ergeben haben. So benutzen 40 Prozent der befragten illiteraten Frauen ein Mobiltelefon, von jenen Frauen aber, die den Kurs besuchten, sind es inzwischen 60 Prozent. Gleiche Werte ergeben sich für das selbstständige Zahlen von Rechnungen. Wird die Unterstützung der Kinder bei den Hausaufgaben betrachtet, steigt die Prozentzahl sogar von 20 auf 80 Prozent. Deutlich geringer ist der Anstieg (mit drei bis fünf Prozent), wenn es darum geht, ob die Mutter über den Schulbesuch ihrer Söhne und Töchter oder über eine Heirat entscheidet. Wer nicht an dem neunmonatigen Kurs teilgenommen hat, geht seltener unbegleitet aus dem Haus (vergleichsweise acht Prozent weniger) und registriert sich weniger häufig im Wählerregister (vergleichsweise elf Prozent weniger). Ein interessantes Bild ergibt sich bei der Arbeitslage. Nach der Bildungsmaßnahme wandern 19 Prozent der Frauen, die unbezahlte Familienarbeit leisten, maßgeblich in die Selbständigkeit – 17 Prozent mit bezahlten Angestellten und vier Prozent ohne bezahlte Angestellte.[1]

In neun Monaten einen höheren sozialen und gesellschaftlichen Status erlangen, sich zuversichtlicher in der Umgebung orientieren, neue soziale Räume ohne Scham betreten, selbstbewusst Preise verhandeln und Rechnungen bezahlen – wer den Zugewinn an Lebensverbesserung zu spüren bekommt, möchte dies auch den eigenen Kindern ermöglichen. Angesichts dieser Veränderungen, das ist sicher ein Ergebnis der Vergleichsstudie, scheint „Alphabetisierungskurs“ in der Tat zu kurz zu greifen. Es kann festgehalten werden, dass diese neun Monate nachweislich mehrere Dimensionen der Lebensqualität verbessert haben.


[1] Weitere jeweils 1% stammen je aus dem Bereich Tagelöhnerin und bezahlte Angestellte.

Drei Teilnehmerinnen über den Alphabetisierungskurs

Mein Name ist Zahira. Ich selbst bin nie zur Schule gegangen. Alle in meiner Familie sind Analphabeten. Als ich heiratete, verspottete mich mein Mann dafür. Zum Glück geht mein Sohn jetzt zur Schule. Er ist in der fünften Klasse und als er mich bat, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen, konnte ich das nicht. Jetzt, nach fünf Monaten, habe ich große Fortschritte im Lesen, Schreiben und Zählen gemacht. Früher war ich manchmal nicht in der Lage, die Damen- und Herrentoiletten zu unterscheiden, aber jetzt kann ich viele Informationen vollständig lesen und das macht mein Leben leichter. Eines Tages war mein Sohn krank. Als ich mit ihm ins Krankenhaus ging, fand ich die Kinderabteilung und meldete meinen Sohn an. Es machte mich so glücklich, dass ich das tun konnte. Wenn ich meinen Sohn vor der Teilnahme am Alphabetisierungskurs bat, seine Hausaufgaben zu machen, zeigte er mir seine früheren Lektionen. Aber jetzt kann er mir nichts mehr vormachen und ich weiß, welche Lektion er gestern gelernt hat und welche Lektion er heute lernen muss. Meine Ausbildung reicht nicht aus, um für eine gut bezahlte Stelle in einem offiziellen Büro zu arbeiten, aber ich möchte mich weiterbilden und das Gymnasium abschließen.“

Mein Name ist Nassem. Als Kind habe ich meinen Vater während des Krieges zwischen den Mujahedeen und der Regierung verloren. Meine Familie wurde gezwungen, Maidan Wardak zu verlassen. Wir zogen nach Kabul. Nachdem mein Vater gestorben war, gab es niemanden, der die Familie ernähren konnte. Ich war sehr jung und meine Mutter empfahl mir, in einer kleinen Teppichweberei zu arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Jetzt besuche ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Ausbildungskurs. Nach diesen sechs Monaten im Alphabetisierungskurs sehe ich eine Menge Veränderungen in meinem Leben. Wir haben zum Beispiel ein bisschen Lesen, Schreiben und Zählen gelernt. Jetzt kann mich der Teppichknüpfer-Geschäftsmann nicht mehr täuschen. Inzwischen kenne ich meine Einnahmen und Ausgaben gut und ich weiß, wie viel Material ich verbraucht und wie viel Arbeit ich jeden Tag gemacht habe. Wenn ich im Alphabetisierungskurs etwas lerne, bringe ich es meiner Mutter und nahen Verwandten bei. Ich werde den Alphabetisierungskurs fortsetzen und mehr über die Expansion meines Unternehmens lernen, und ich werde in Zukunft eine gebildete Geschäftsfrau sein.“

Mein Name ist Shaher. Ich war acht Jahre alt, als die Taliban nach Mazar kamen. Wir waren zu sechst in unserer Familie und wir hatten alle Angst. Ich interessierte mich für Bildung, aber ich verstand, dass dies unmöglich war. Mein Vater beschloss, dass wir in den Iran auswandern sollten. Ich war sehr klein und verstand nicht, warum die Menschen dort uns nicht mochten. Meine ältere Schwester war sieben Jahre alt und wollte zur Schule gehen, aber die staatliche Schule wollte sie nicht aufnehmen. Also versuchte mein Vater sein Glück bei Privatschulen. Aber sie sagten meinem Vater: "Sie sind Afghane und wenn Sie Ihrem Kind eine Bildung ermöglichen wollen, sollten Sie mehr bezahlen als iranische Schüler.“ Mein Vater war Maurer und hatte nicht so viel Geld. Also konnten wir nicht zur Schule gehen. Eines Morgens im Jahr 2001 schrie mein Vater: "Die Taliban sind weg!" Wir kamen nach Mazar zurück und ich heiratete meinen Cousin. Im Jahr 2002 wurden die Schulen für Mädchen geöffnet. Aber ich war verheiratet, und die Familie meines Mannes erlaubte mir nicht, zur Schule zu gehen. Die Jahre vergingen und ich brachte vier Kinder zur Welt. Der Alphabetisierungskurs war wie ein Traum. Als ANAFAE mit den Kursen in unserem Camp Sakhi begann, war meine Lebenssituation gut. Mein Mann erlaubte mir, dorthin zu gehen. Ich lernte schnell und nach sechs Monaten lud ich einige der Damen aus meiner Nachbarschaft zu mir nach Hause ein, um sie zu unterrichten. Die Familie meines Mannes ist stolz auf mich und meine Nachbarn segnen mich.“

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