Freiheit in Zeiten von Corona – Ein Beispiel aus der Türkei

Der türkische Verein beraberce führt in Partnerschaft mit dem Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV International) seit 2019 das Projekt „Hatırla! Erinnere!“ durch. Das Projekt hat zum Ziel, die türkische Erinnerungskultur durch internationalen und innertürkischen Austausch multiperspektivischer zu gestalten. Das Projekt musste aufgrund der Corona-Pandemie umgestaltet werden.

Das Jahr 2020 ist zweifelsohne von der Corona-Pandemie geprägt. Ende März kam die Pandemie auch in der Türkei an. Cafés, Restaurants und Geschäfte wurden geschlossen, an den Wochenenden gab es Ausgehverbote und Bildungseinrichtungen schlossen ihre Türen ebenso wie die meisten zivilgesellschaftlichen Organisationen. Wie viele der zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Türkei die Pandemie überleben werden und wie sich die Zivilgesellschaft in einer „Post-Pandemie-Zeit“ überhaupt ausgestalten wird, lässt sich heute noch nicht annähernd vermuten.

Der türkische Verein beraberce (Türkisch für „gemeinsam“) führt in Partnerschaft mit dem Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV International) seit 2019 das Projekt „Hatırla! Erinnere!“ durch. Das vom Auswärtigen Amt geförderte Projekt hat zum Ziel, die türkische Erinnerungskultur durch internationalen und innertürkischen Austausch multiperspektivischer zu betrachten und zu gestalten sowie durch die Stärkung und Weiterbildung von zivilgesellschaftlichen Akteuren, kommunalen Vertreter*innen und Erwachsenenbildner*innen den Pluralismus und die Demokratie in der Türkei zu fördern. Das Projekt wurde ursprünglich mit zahlreichen Reisen und direktem Kontakt geplant: Insgesamt 40 Aktivist*innen aus der Türkei sollten im sognannten XChange-Programm verschiedene Erinnerungsorte in der Welt besuchen, sich dort an Diskussionen und Aktivitäten beteiligen und später in Workshops darüber berichten. Geplant waren außerdem verschiedene Bildungsangebote, darunter Sommerschulen, Akademien, Friedenscamps und Demokratieworkshops.

Lernprozesse digital gestalten

Die Pandemie führte zu einer radikalen Umgestaltung der Aktivitäten und der Arbeitsweise des Vereins beraberce und dessen größtem Projekt „Erinnere!“. beraberce war eine der ersten NGOs in der Türkei, die während der Pandemie Onlineangebote zur Verfügung stellte. Der Verein überführte sämtliche Bildungsaktivitäten in die Online-Welt. Dies funktionierte ausgesprochen gut und führte zu einer großen Resonanz in der Zivilgesellschaft und der Erwachsenenbildung. Neben Freiheit, Verantwortung und Umgang mit schwierigen Vergangenheiten wurden auch Themen wie die Arbeit der türkischen Transgender-Bewegung behandelt.

Am 15. Juni fand ein Online-Workshop mit Efruz Kaya statt. Efruz Kaya ist eine Transgender-Frau, die die NGO TransgenderNL in den Niederlanden besucht hatte. Die Sozialarbeiterin und Studentin der Rechtswissenschaften berichtete über die Arbeit von TransgenderNL im Vergleich zur Transgender-Bewegung in der Türkei. Der Workshop fand während der Pride-Woche statt und setzte somit auch einen Akzent gegen die erstarkende Homophobie.


Ein zentraler Bestandteil des Projektes sind die Sommerschulen und Akademien. Diese folgen auch im Online-Modus Prinzipien partizipatorischer und transformativer Erwachsenenbildung und sind als kollektive Lernprozesse organisiert. Diese kollektiven Lernprozesse enthalten interaktive Einheiten, in denen die Teilnehmer*innen aktiv am Geschehen beteiligt sind, ihre eigenen Lernprozesse gestalten und auch das Tempo bestimmen. Der Lernprozess wird um einen von beraberce gestalteten „provozierenden Text“ herum gestaltet, der die Funktionen hat, sowohl Wissen als auch Widerspruch zu vermitteln und in der Folge Lernprozesse zu provozieren. Benutzt werden Methoden wie freies Assoziieren, digitales Brainstorming, Lerntagebuch, Gruppenarbeiten, Fallstudien, kreatives Schreiben, Rollenspiele und viele mehr.

In der Sommerakademie wurde das Thema „Freiheit in Zeiten von Corona“ behandelt. Um den Lernprozess anzustoßen wurden unter anderem folgende Fragen und Aussagen in den Raum gestellt: „Hat Freiheit Grenzen? Individuelle Freiheiten und gesellschaftliche Notwendigkeiten“, „Ein neues Konzept von Freiheit – Freiheit entsteht nicht durch Kampf, sondern indem sie gelebt wird“.

Teilnehmerin der Sommerakademie, 29 Jahre, Lehrerin:
"In den letzten Tagen denke ich viel über Freiheit nach. Das habe ich der Sommerakademie von beraberce zu verdanken. In diesem Prozess hat die Akademie mich bewegt, Freiheit zu begreifen. Wir haben immer versucht die Freiheit in bestimmten Grenzen zu verstehen, aber die Freiheit ist nie in diesen Grenzen geblieben und entfloh daraus. Es war sehr schwer, die Freiheit in Worte zu fassen, wir waren verwirrt, wir wurden verwirrt. Ich habe gelernt, die verschiedenen Umstände der Freiheit und das Universelle zu begreifen. Da es bei anderen Bildungsangeboten immer eine gewisse Hierarchie und Ordnung gibt, denkt man weniger nach. In der Regel erlaubt man nicht, dass unsere Gedanken verwirrt werden und wir zum Reflektieren angeregt werden. Ich bin sehr froh, dass wir hier diese Freiräume hatten.“

Neue Möglichkeiten zur Stärkung der Zivilgesellschaft nutzen

Die Pandemie gibt uns die Gelegenheit, bisherige Arbeitspraxis zu überdenken. Ist es wirklich sinnvoll, internationalen Austausch immer als physischen Austausch zu organisieren? Kann es sich die Menschheit erlauben, zu jedem Anlass mit Billigfliegern um die Welt zu reisen? Die Pandemie hat uns gezwungen, neue Wege der Diskussion und Wissensvermittlung zu suchen. Es ist davon auszugehen, dass die Pandemie unsere Arbeitsweisen und unseren Alltag nachhaltig verändern wird. Dies gilt auch für Erinnerungsorte und Museen, die vermutlich vermehrt Online-Ausstellungen und virtuelle Rundgänge anbieten werden, die unabhängig von realem Raum und institutionellem Zeitrahmen besucht werden können.

Diese und weitere Illustrationen sind im Rahmen des Projektes entstanden und erinnern an verschiedene Ereignisse der jüngeren Geschichte.


Auch wenn das Fehlen des unmittelbaren sozialen Kontakts (noch) schwer fällt, eröffnet der Schritt in die virtuelle Kommunikation auch große Möglichkeiten. So konnten an den Weiterbildungen nicht nur Interessierte aus der gesamten Türkei teilnehmen, sondern auch Personen aus Frankreich, Syrien, Spanien und Deutschland. Im Grunde ist jedes Weiterbildungsangebot jetzt ein überregionales und sogar internationales; die Beteiligung wird durch die Sprache bestimmt.

Online-Bildungsaktivitäten bieten darüber hinaus eine gewisse Anonymität, die Diskussionen und Äußerungen abweichender Meinungen erleichtert. Während bei jeder Präsenzveranstaltung eine soziale Kontrolle entsteht, ist Onlineunterricht so organisierbar, dass Diskussionen anonym geführt werden können. Insoweit bietet der Wechsel in die virtuelle Welt gerade für politische Bildung mit Multiplikator*innen große Möglichkeiten und ermöglicht größere Wirkung mit relativ geringen Mitteln.

Das Projekt wird bis Ende 2020 und auch 2021 größtenteils online stattfinden. Dabei wollen beraberce und DVV International an die positiven Erfahrungen der letzten Monate anschließen und durch die neu gewonnenen Möglichkeit der digitalen Kommunikation noch mehr zivilgesellschaftliche Akteure erreichen, um den Prozess der Demokratisierung der Türkei den Widrigkeiten der Corona-Pandemie zum Trotz weiter voranzutreiben.

Weiterführender Link: Interview mit Ayşe Öktem, Direktorin von beraberce: New opportunities for civil society arising from the Corona pandemic

Unsere Arbeit

Weltweit

DVV International arbeitet mit mehr als 200 Partnern in über 30 Ländern.

Zur interaktiven Weltkarte

Neueste Beiträge

, Ayşe Öktem, Direktorin, beraberce

Freiheit in Zeiten von Corona – Ein Beispiel aus der Türkei

Olivenzweig. Auf Türkisch: Erinnere! 21. September Weltfriedenstag

Der türkische Verein beraberce führt in Partnerschaft mit dem Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV International) seit 2019 das Projekt „Hatırla! Erinnere!“ durch. Das Projekt hat zum Ziel, die türkische Erinnerungskultur durch internationalen und innertürkischen Austausch multiperspektivischer zu gestalten. Das Projekt musste aufgrund der Corona-Pandemie umgestaltet werden.

Read more
, Thomas Rößer, Regionalreferent Afghanistan, DVV International

Alphabetisierung in Afghanistan – Effekte und Wirkungen

Mangelnde Bildung und Analphabetismus sind in Afghanistan besonders für Frauen vordringliche Probleme. Deshalb legt der afghanische Erwachsenenbildungsverband ANAFAE, eine in 2005 gemeinsam mit DVV International gegründete Dachorganisation zur Förderung der Entwicklung lokaler Erwachsenenbildungszentren, besonders Wert darauf, gerade Frauen die Teilnahme an Alphabetisierungskursen zu ermöglichen. Denn die mit dem Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen verbundenen Fähigkeiten bedeuten mehr Freiheit und Selbstständigkeit.

Read more

Für viele Länder ist die Aufgabe, Menschen mit Behinderungen den Zugang zu inklusiver Bildung zu ermöglichen, mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Gleiche Bildungschancen für alle zu gewährleisten ist jedoch Voraussetzung für die berufliche und persönliche Entwicklung jeder und jedes Einzelnen. Diese wichtige Aufgabenstellung spiegelt sich auch im UN-Nachhaltigkeitsziel 4 wider, das inklusive Bildung für alle anstrebt. Im Jahr 2018 hat Tadschikistan die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet. Die Bereitstellung inklusiver Bildung für Jugendliche und Erwachsene mit Behinderungen bleibt in Tadschikistan dennoch eine enorme Herausforderung, sowohl für den Staat als auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Read more

In Zusammenarbeit mit DVV International arbeitet die lokale NGO Non-Timber Forest Products (NTFP) seit 2009 daran, Angehörigen der ethnischen Minderheit der Kavet in Ratanakiri, Kambodscha, eine verbesserte Bildung und Ausbildung zu bieten. Zu diesem Zweck bilden sie freiwillige Lehrerinnen und Lehrer aus.

Read more

En Afrique de l’Ouest en général et au Mali en particulier, le manque de données fiables est un élément qui caractérise plusieurs départements ministériels et constitue un véritable frein pour le plaidoyer notamment dans notre secteur de l’éducation des adultes, et cela malgré une cellule de planification et de statistiques au niveau de chaque département.

Read more