„vhs verfügen über ein enormes internationales Potenzial, das bislang unterschätzt wird“

Porträtfoto von Stefan Markov, er lächelt in die Kamera.. Er trägt kurzes Haar und ein dunkelblaues Hemd mit Knöpfen vor neutralem Hintergrund.
Stefan Markov verantwortet bei DVV International das Projekt "Deutsch Global: Sprachkompetenz und -zertifizierung weltweit"

Mit dem neuen internationalen Kooperationsprojekt „Deutsch Global“ wollen DVV International und telc gGmbH die Vorbereitung von Arbeits- und Fachkräften im Ausland stärken. Stefan Markov, Projektreferent bei DVV International spricht über Ziele, Chancen und Perspektiven – und darüber, warum Volkshochschulen auch jenseits der deutschen Grenzen eine größere Rolle spielen sollten.

Seit April 2025 sind DVV International und die telc gGmbH Kooperationspartner im neuen Projekt „Deutsch global“. Worum geht es dabei?

Unser gemeinsames Ziel ist es, Arbeits- und Fachkräfte, die sich eine Migration nach Deutschland vorstellen können, bereits in ihren Herkunftsländern besser auf diesen Schritt vorzubereiten. Dafür wollen wir in drei Pilotregionen – Zentralasien, Kolumbien und Tunesien – nachhaltige Strukturen schaffen. Neben qualitativ hochwertiger Sprachförderung und einem fairen Zugang zu Sprachprüfungen, ist es uns besonders wichtig, die Menschen auch auf die Migration selbst und das vorzubereiten, was sie in Deutschland erwartet. Denn wir stellen immer wieder fest, dass bezüglich der Arbeitsmigration viele Fehlinformationen im Umlauf sind. Mit unserem Projekt wollen wir insofern auch einen Beitrag leisten, um Migration fairer und transparenter zu gestalten.

Wo liegt das Potenzial solcher vorintegrativen Strukturen für die Fachkräfteeinwanderung?

Im besten Fall können sie den gesamten Prozess erleichtern und auch beschleunigen. Denn wenn Fachkräfte bereits im Herkunftsland Sprachkenntnisse erwerben und sich auf den Arbeitsmarkt und das Leben in Deutschland vorbereiten können, verbessern sie damit nicht nur die Chance, ein Visum zu erlangen, sondern verkürzen auch ihren Integrationsweg nach der Ankunft. Durch gezielte vorintegrative Maßnahmen entsteht Vertrauen auf beiden Seiten: Unternehmen in Deutschland wissen, dass Bewerber*innen qualifiziert und sprachlich vorbereitet sind, während die Fachkräfte mit realistischen Erwartungen und besseren Startchancen kommen. Vorintegration ist damit nicht nur Bildung, sondern auch Standortpolitik – und Volkshochschulen sind ein entscheidender Akteur, um sie weltweit umzusetzen.

Warum wurde das Projekt als Kooperation mit der telc gGmbH geplant?

telc gGmbH ist nicht nur einer der führenden Anbieter standardisierter Sprachprüfungen mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Entwicklung anerkannter Zertifikate, sie ist als Tochtergesellschaft auch ein Teil der vhs-Familie. Neben Prüfungen gehören auch Lehrwerke und umfangreiche Qualifizierungsangebote zum telc-Portfolio. So können wir Einrichtungen, mit denen wir zusammenarbeiten, auch im Bereich der Professionalisierung unterstützen. DVV International wiederum bringt ein weltweites Bildungsnetzwerk mit Partnerorganisationen in über 35 Ländern ein. Durch die Kooperation bündeln wir unsere Stärken: Über die etablierten Strukturen von DVV International im Ausland erreichen wir mehr Lernende in den Organisationen vor Ort und gleichzeitig stellen wir durch das Know-How der telc sicher, dass die Sprachzertifikate, die dort erworben werden, durch die Botschaften im Ausland und Behörden und Universitäten in Deutschland anerkannt sind. 

In der Erprobungsphase gibt es zunächst drei Pilotländer bzw. -regionen. Warum fiel die Wahl gerade auf Zentralasien, Kolumbien und Tunesien?

In allen drei Regionen und Ländern ist DVV International seit Jahren aktiv und verfügt über funktionierende Büros und verlässliche Partnernetzwerke. Außerdem ist dort das Potential an qualifizierten Arbeitskräften besonders hoch – etwa in Pflege und Logistik. Zudem gibt es in diesen Ländern vergleichsweise viele junge Menschen bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit. Das führt dazu, dass beispielsweise in Zentralasien auch die dortige Regierung ein starkes Interesse an Arbeitskräftemigration hat.

Welche konkreten Maßnahmen sind in den Pilotländern geplant?

Zunächst bauen wir die bestehenden Länderbüros von DVV International weiter aus und verstärken sie personell. Die Projektkoordinator*innen vor Ort übernehmen dabei eine zentrale Rolle: Sie sollen die Netzwerke von DVV International erweitern und verlässliche, qualifizierte Partner identifizieren, sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Einrichtungen, mit denen wir langfristig zusammenarbeiten können. Diese wollen wir auf zwei Ebenen unterstützen: Zum einen durch Schulungen und Informationsangebote, damit Lehrkräfte und Bildungsträger ihre Deutschlernangebote verbessern und zugleich verlässliche Informationen zu Migrationsthemen weitergeben können. Zum anderen möchten wir grenzüberschreitend Brücken zu den Institutionen schlagen, die für Arbeitskräftemigration und Integration zuständig sind – in unserem Fall vor allem zu den Volkshochschulen. Wir erhoffen uns, dass Menschen so nicht in falsche Hände geraten und sich eine genauere Vorstellung davon machen können, wie es nach dem Deutschlernen für sie weitergehen kann. 

Welche Rolle spielt die Expertise von Volkshochschulen – und können sich diese künftig auch im Ausland stärker beteiligen?

Die Volkshochschulen sind unser Rückgrat im Inland: Sie bieten Integrations- und Berufssprachkurse, Weiterbildungsmöglichkeiten und Prüfungen an. Im besten Fall können wir mit Hilfe der Volkshochschulen deshalb eine nahtlose Bildungskette schaffen: Die Lernwege beginnen im Ausland mit vorintegrativen Maßnahmen und einem Fokus auf Sprachbildung und Information, münden dort in für die Visa erforderlichen Sprachzertifikaten von telc und können in Deutschland an den Volkshochschulen, falls nötig, fortgesetzt werden, beispielsweise in Berufssprachkursen oder auch Angeboten der nachholenden Schulbildung. Im weiteren Verlauf des Projekts sollen die Volkshochschulen ihre Expertise auch im Projekt einbringen können – etwa als Netzwerkpartner, durch fachliche Kooperationen, Deutschkurse für Lehrkräfte oder Infoveranstaltungen für Teilnehmende in den Kursen vor Ort. Damit wollen wir auch politisch ein Signal senden: Die Volkshochschulen sind nicht nur lokale Bildungspartner, sondern verfügen über ein enormes internationales Potenzial, das in der Fachkräftedebatte bislang unterschätzt wird.

Viele Volkshochschulen sind schon in internationalen Kooperationen unterwegs. Wie kommt es dazu?

Die Impulse dafür kommen – abhängig von den Aufgaben der vhs – oft aus der Kommune. Gerade in Regionen mit anhaltendem Arbeits- und Fachkräftemangel können Volkshochschulen sich als wichtiges Verbindungsglied ins Ausland aufstellen und dort in Kooperation mit Bildungsträgern bspw. den Kontakt zu Menschen herstellen, die sich eine Migration nach Deutschland vorstellen können, wie dies beispielsweise the vhs Cham aktuell in Kirgistan tut. Ein besonders hohes Potenzial sehe ich im Bereich der Berufsausbildung: Im Herkunftsland werden die Deutschkenntnisse und Wissen über das Leben in Deutschland und den Arbeitsmarkt erworben, die Ausbildung erfolgt dann in den Betrieben vor Ort. Dazu braucht es ein gutes Netz an Partnern im In- und im Ausland und Firmen oder kommunale Einrichtungen, die bereit sind, in Ausbildung zu investieren.

Wie sehen die langfristigen Perspektiven des Projekts aus?

Ziel ist es, die Pilotphase zu nutzen, um tragfähige Strukturen zu schaffen, die auch nach Ende der Pilotphase weiterbestehen können. Wenn das gelingt, ist eine Ausweitung auf weitere Länder und Regionen denkbar. Langfristig könnten wir uns vorstellen, dass die Projektstrukturen Bestandteil transnationaler Migrations- und Bildungspartnerschaften werden, von denen sowohl die Herkunftsländer als auch Deutschland profitieren. Dafür brauchen wir aber auch entsprechende Strukturen.

Was wünschen Sie sich von Politik und Partnerinstitutionen?

Wir wünschen uns, dass die Politik und auch Partner in der Wirtschaft stärker wahrnehmen, dass Volkshochschulen nicht nur in Deutschland, sondern auch international über wertvolle Netzwerke und Expertise verfügen. Dieses Potenzial ließe sich gezielt nutzen, um Fachkräfte im Ausland besser zu qualifizieren und frühzeitig in die Prozesse der Einwanderung einzubinden. Dafür brauchen wir aber passende Finanzierungsstrukturen – also Programme, die internationale Kooperationen und Bildungsarbeit von Volkshochschulen systematisch fördern und langfristig absichern. Denn Internationale Bildungsarbeit braucht Kontinuität. Nur so können wir das, was jetzt im Kleinen beginnt, wirklich groß denken.


Dieses Interview wurde zunächst im dis.kurs - Das Magazin der Volkshochschulen, Heft 2/2025 veröffentlicht.