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Wiederbelebung des nationalen Erwachsenenbildungsprogramms in Tansania

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Erwachsenenbildung in Tansania zunehmend aus dem Blickfeld geraten. Das wollen DVV International, das seit 2021 in Tansania tätig ist, und das nationale Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie ändern. Gemeinsam bemühen sie sich daher um die Wiederbelebung des Sektors und des nationalen Erwachsenenbildungsprogramms.

Frauke Heinze, Regionalleiterin Ostafrika/Horn von Afrika, übergibt den Entwurf der ICBAE-Programmumsetzungsrichtlinien an die Direktoren der verschiedenen Abteilungen des MoEST und PO-RALG

Seit 2021 engagiert sich DVV International in Tansania. Nach einem Konsensfindungsprozess mit den zuständigen Ministerien und wichtigsten Akteuren im Bereich der Erwachsenenbildung (Adult Learning and Education – ALE) führt DVV International nun eine evidenzbasierte Politik- und Programmberatung für die beteiligten Ministerien durch. Parallel dazu gibt es gezielte Maßnahmen zum Kapazitätsaufbau für ALE-Fachkräfte ebenso wie zur Erprobung von Community Learning Centres (CLCs) für die Bereitstellung von ALE-Dienstleistungen.

In diesem Zusammenhang überarbeiten das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie (MoEST) und DVV International derzeit das nationale integrierte gemeindebasierte Erwachsenenbildungsprogramm (Integrated Community Based Adult Education Programme – ICBAE) mit dem Ziel, besser auf die vielfach schwierige sozioökonomische Situation von Jugendlichen und Erwachsenen im Land reagieren zu können.

Das ICBAE-Programm ist ein non-formales ALE-Programm, das 1993 entwickelt wurde. Nach einer Pilotphase wird es seit 1997 vom Bildungsministerium durchgeführt, um sicherzustellen, dass alle Jugendlichen und Erwachsenen, die sich außerhalb des formalen Schulsystems befinden, Zugang zur Grundbildung und funktionaler Alphabetisierung haben.

Das Programm basiert auf der REFLECT-Methode, einem partizipativen Ansatz, bei dem die Teilnehmenden in Arbeitsgruppen zusammenkommen, um gemeinsam Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen und dabei verschiedene Aspekte ihres alltäglichen Lebens zu analysieren und in den Lernprozess einzubeziehen. Diese Methode kann der wachsenden Zahl von Jugendlichen und Erwachsenen mit geringer Grundbildung und begrenzten einkommensorientierten Fähigkeiten helfen, über den non-formalen Weg Zugang zu Bildung zu erhalten.

Vielfältige Herausforderungen für Erwachsenenbildung in Tansania

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Erwachsenenbildung in Tansania jedoch aus dem Blickfeld geraten. Herausforderungen wie die Unterfinanzierung des Sektors, der Personalmangel auf Bezirksebene und die geringe Berücksichtigung der Erwachsenenbildung im nationalen Berichts- und Monitoringsystem haben die erfolgreiche Umsetzung des Programms behindert. Hinzu kommt, dass die Inhalte und Komponenten des ICBAE-Programms seit 1993 nie überprüft und an die aktuelle sozioökonomische Entwicklung des Landes und die spezifischen Bedürfnisse der Lernenden angepasst wurden.

Dass das Programm nach wie vor relevant ist, zeigt sich insbesondere an den steigenden Analphabetenraten in Tansania. Trotz der erfolgreichen Alphabetisierungsrate von 98 Prozent noch in den 1980er Jahren gibt es mittlerweile in Tansania immer mehr Analphabet*innen. Im Jahr 2015 waren nur noch 77,9 Prozent der Erwachsenen alphabetisiert. Die Ergebnisse der Volkszählung von 2022 zeigen eine noch höhere Analphabetenrate von über 25 Prozent. Darüber hinaus wirkt sich das zunehmende Bevölkerungswachstum sowohl auf das formale als auch das non-formale Bildungssystem aus, das immer mehr junge und erwachsene Lernende aufnehmen und ihnen Fähigkeiten zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zu vermitteln muss. 

Aktualisierung und Verbesserung der bestehenden ICBAE-Programmrichtlinien

Zur Bewältigung dieser Herausforderungen hat DVV International 2023 die Einrichtung und Arbeit einer nationalen technischen Arbeitsgruppe unterstützt. Sie setzt sich aus Vertreter*innen des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Soziales, des Präsidialamts für regionale Verwaltung und lokale Regierung (PO-RALG) auf nationaler, regionaler und Distriktebene, des tansanischen Instituts für Erwachsenenbildung sowie des zivilgesellschaftlichen Bildungsnetzwerks TENMET und der Universität Dar es Salaam zusammen. Unter der fachlichen Leitung von DVV International und in enger Abstimmung mit dem Institut für Erwachsenenbildung leitet diese Gruppe den umfassenden Überprüfungsprozess zur Aktualisierung und Verbesserung der bestehenden ICBAE-Programmrichtlinien und Trainings-Handbücher zu den erweiterten Lernkomponenten.

Die Überprüfung basiert auf Untersuchungen, die von DVV International in Zusammenarbeit mit der Universität Dar es Salaam und dem Institut für Erwachsenenbildung 2022/2023 durchgeführt wurden. Drei wesentliche Studien sind hier zu nennen: Eine Bewertung der sozioökonomischen Situation und Entwicklung in Tansania, eine Lernbedarfsanalyse in vier Pilotdistrikten und eine Bewertung des Status sowie der Herausforderungen bei der Umsetzung des ICBAE-Programms. Die Ergebnisse dieser Studien sind maßgeblich in die Gestaltung der überarbeiteten Programmrichtlinien und der neuen kompetenzbasierten Lernkomponenten eingeflossen.

Das neu überarbeitete Programm zielt darauf ab, Jugendlichen und Erwachsenen, die die Schule nicht abschließen konnten oder diese zwar abgeschlossen, aber keine adäquate Ausbildung erhalten haben, den Zugang zu einer Grundbildung und Möglichkeiten der Kompetenzentwicklung auf Grundlage des aktuellen Bedarfs innerhalb ihrer Gemeinden und auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Kompetenzbasierter Lehrplan

Die fünf kompetenzbasierten Lernkomponenten des überarbeiteten ICBAE-Programms setzen sich wie folgt zusammen:

  1. Berufsvorbereitende Fertigkeiten in 16 differenzierten, einkommensschaffenden Bereichen
  2. Unternehmertum und unternehmerische Fähigkeiten
  3. Landwirtschaft und Viehzucht
  4. Gesundheit und Hygiene
  5. Politische Bildung und Lebenskompetenz

Darüber hinaus basiert das ICBAE-Programm nun auf einem kompetenzbasierten Lehrplan, der lernerzentriert und bedarfsorientiert ist, kritisches Denken und Problemlösungsfähigkeiten fördert und zudem Themen zu Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion, Umweltbewusstsein und Digitalisierung integriert. Nach weiteren Konsultationsprozessen und der grafischen Überarbeitung der Moderatorenrichtlinien soll das aktualisierte ICBAE-Programm im ersten Quartal 2024 starten.

Die Autorin

Frauke Heinze ist Regionalleiterin von DVV International für die Region Ostafrika/Horn von Afrika.
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