Vom 25. bis 31. Januar reiste eine hochrangige ukrainische Delegation nach Deutschland und in die Schweiz, um mehr über die Systeme der Erwachsenenbildung, die Verwaltungsstrukturen und Finanzierungsmechanismen zu erfahren und den fachlichen Austausch mit europäischen Partnern zu stärken.
Unter den Teilnehmenden befanden sich Parlamentarier*innen und Vertreter*innen des ukrainischen Bildungsministeriums, darunter der stellvertretende Minister für Bildung und Wissenschaft, Prof. Dr. Mykola Trofymenko. Der Besuch wurde von DVV International in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Volkshochschulverband (bvv) und dem Schweizerischen Verband für Erwachsenenbildung (SVEB) organisiert und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziell unterstützt.
Der Fokus der Reise lag auf der Rolle der Erwachsenenbildung für demokratische Entwicklung, sozialen Zusammenhalt und Krisenbewältigung. Fast vier Jahre nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine steht das Bildungswesen des Landes vor enormen Herausforderungen: Die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur, anhaltende Unsicherheit und massive Migration erschweren Bildungsangebote im ganzen Land erheblich. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Aufbau stabiler gesetzlicher und institutioneller Rahmenbedingungen zusätzlich an Bedeutung.
Neben dem fachlichen Austausch unterstützte die Reise daher auch die aktuellen Bemühungen der Ukraine bei der Verabschiedung eines umfassenden Erwachsenenbildungsgesetzes. Das Gesetz, das im Januar 2023 in erster Lesung vom ukrainischen Parlament verabschiedet wurde, ist das Ergebnis eines langen Vorbereitungsprozesses, in dem DVV International gemeinsam mit ukrainischen Partnern technische Expertise und Unterstützung bereitstellte. Da der Fortschritt der Gesetzgebung ins Stocken geraten ist, bot der Besuch den ukrainischen Parlamentarier*innen und Regierungsvertreter*innen Einblicke aus erster Hand in europäische Gesetzgebungsrahmen und Governance-Modelle auf nationaler und lokaler Ebene.
Vom deutschen Erwachsenenbildungssystem lernen
Die Reise begann in Berlin mit einem Besuch beim Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV), der Dachorganisation der rund 850 Volkshochschulen in Deutschland. Die Delegationsmitglieder diskutierten mit Julia von Westerholt, Direktorin des DVV, und Esther Hirsch, kommissarische Leiterin von DVV International, über die Organisation der Erwachsenenbildung, internationale Zusammenarbeit und den Beitrag des lebenslangen Lernens zu Resilienz und gesellschaftlicher Teilhabe.
Weitere Treffen in Berlin befassten sich mit den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen von Erwachsenenbildung. Im Deutschen Bundestag traf die Delegation Saskia Esken, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Im Mittelpunkt der Diskussion standen die öffentliche Verantwortung für Erwachsenenbildung, gesetzliche Rahmenbedingungen und nachhaltige Finanzierungsmodelle.
Am 27. Januar besuchte die Delegation die Volkshochschule Berlin-Mitte, wo Vertreter*innen des Berliner Senats und die Leiterin der vhs kommunale Ansätze für lebenslanges Lernen, Grundbildung und außerschulische Bildung vorstellten. Levan Kvatchadze, Regionalleiter für die Region Östliche Nachbarn bei DVV International, gab einen Überblick über das Erwachsenenbildungssystem in Deutschland und unterstrich dessen Bedeutung für die internationale Zusammenarbeit.
Das Programm wurde an der Volkshochschule München (MVHS), der größten Erwachsenenbildungsstätte Deutschlands, fortgesetzt. Der Austausch mit Vertreter*innen der Münchner Stadtverwaltung, der Leitung der MVHS und des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultur bot Einblicke in regionale Governance-Strukturen, Finanzierungsmechanismen und Strategien zur Förderung der Teilnahme an Erwachsenenbildung. Bei Treffen mit Vertreter*innen des Bayerischen Volkshochschulverbandes (bvv) und Mitgliedern des Bayerischen Landtags wurde die Rolle von Dachverbänden bei der Koordinierung von Qualitätsstandards und der Advocacy für Erwachsenenbildung auf politischer Ebene hervorgehoben.
Einblicke in Erwachsenenbildungspolitik und -praxis in der Schweiz
In der Schweiz traf die Delegation Vertreter*innen des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB), die einen Überblick über das nationale Weiterbildungssystem gaben. Die Delegation besuchte außerdem die EB Zürich/Kantonale Schule für Berufsbildung, eine führende Anbieterin von Erwachsenenbildung mit Fokus auf digitaler Bildung und praxisorientierter Ausbildung.
Am 30. Januar führte die Delegation in Bern Gespräche mit Vertreter*innen der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) sowie des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), begleitet von Mitarbeitenden der ukrainischen Botschaft in der Schweiz, darunter der Erste Sekretär für Wirtschaftsfragen, Volodymyr Didukh. Im Mittelpunkt des Austauschs standen das Engagement der Schweiz in der Ukraine und die Rolle der Erwachsenenbildung bei humanitären Maßnahmen, beim Wiederaufbau und bei der langfristigen Entwicklung.
Weitere Treffen fanden mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) statt, bei denen Integrationsmaßnahmen für Ukrainer*innen in den Arbeitsmarkt und deren Relevanz für die künftige Reintegration dieser Menschen in ihrer Heimat besprochen wurden. Beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) wurde die bilaterale Zusammenarbeit im Bereich der Weiterbildung erörtert, der Schwerpunkt lag dabei auf Strukturen, Finanzierung, Zugang und der praktischen Umsetzung. Das Programm endete schließlich mit einem Besuch im Schweizer Parlament und einem Austausch mit dem Parlamentsmitglied Balthasar Glättli.
Die Studienreise bot einen umfassenden Überblick über die Erwachsenenbildungssysteme in Deutschland und der Schweiz und schuf Raum für einen fachlichen Austausch über Politik, Praxis und internationale Zusammenarbeit. Für DVV International in der Ukraine leistet dieser Austausch einen wichtigen Beitrag zu den laufenden Bemühungen, den Aufbau eines inklusiven und qualitativ hochwertigen Erwachsenenbildungssystems zu fördern – insbesondere im Kontext des Wiederaufbaus und der europäischen Integration.