Bildung als Brücke: Von der Erwachsenenbildung in Afghanistan zum Neubeginn in Deutschland

Gemeinsames Bildungszentrum von DVV International und ANAFAE in Afghanistan im Jahr 2014

Seit 2005 kooperiert DVV International mit dem Afghanischen Erwachsenenbildungsverband ANAFAE (Afghan National Association for Adult Education) und unterstützt den systematischen Aufbau von Strukturen der Erwachsenenbildung in Afghanistan. Bis 2016 entstanden so 25 Erwachsenenbildungszentren in zwölf Provinzen des Landes. Doch durch die Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 veränderte sich das Leben vieler Menschen schlagartig. Die drastischen Einschränkungen trafen auch den Bildungsbereich hart: Bildungszentren wurden geschlossen, Programme abgesetzt und Frauen wurden von Bildungsangeboten weitgehend ausgeschlossen und aus dem Berufsleben gedrängt. Viele Menschen sahen ihre berufliche und auch private Zukunft im Ungewissen. Unter ihnen befanden sich auch Mitarbeitende von ANAFAE, die sich aufgrund ihrer internationalen Kontakte besonders bedroht sahen. Sie wurden daraufhin im Rahmen des deutschen Ortskräfteprogramms nach Deutschland evakuiert. Ihre Wege zeigen, was Erwachsenenbildung bewirken kann – auch und gerade über Ländergrenzen hinweg.*

Bildungsarbeit über Grenzen hinweg

Mohammad Assem Aqil, mittlerweile 30 Jahre, stammt aus Kabul und lebt heute in Jülich. Nach seinem Studium übernahm er 2017 die Leitung der Sprachabteilung eines Erwachsenenbildungszentrums und stieg dort rasch in das Ausbildungsteam für alle Lehrkräfte von ANAFAE auf. Doch mit den politischen Veränderungen in 2021 endete diese Arbeit abrupt und er war gezwungen, seiner Heimat den Rücken zu kehren. In Nordrhein-Westfalen fand er jedoch schnell Anschluss an die Strukturen der Erwachsenenbildung: An der Volkshochschule Jülich absolvierte er zunächst den Integrationskurs und war mit der Qualität und den Lernmethoden so zufrieden, dass er gleich mit den Deutschkursen B2 und C1 weitermachte. „Die vhs hat eine entscheidende Rolle für mein Erlernen der Sprache und meine erfolgreiche Integration in die deutsche Gesellschaft gespielt,“ sagt Mohammad heute. Nach seinem zweiten Masterabschluss qualifiziert sich Mohammad derzeit für eine Lehrstelle in einer weiterführenden Schule und arbeitet auch ehrenamtlich, wofür er sogar die Ehrenamtskarte NRWs erhielt. Zudem ist er besonders dankbar für sein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, welches ihm zwei Jahre finanzielle Unterstützung zusicherte. Während er sich erfolgreich ein neues Leben mit seiner Familie in Deutschland aufgebaut hat, ist es ihm ein wichtiges Anliegen, weiterhin professionell und motiviert einen Beitrag zum deutschen Bildungssystem und der Gesellschaft zu leisten. 

Ameer Khan Ameer, 41, aus Baghlan, war über zehn Jahre für ANAFAE tätig – zuletzt als Education Programme Manager, in dessen Rahmen er für ein Bildungszentrum mit mehr als 2000 Lernenden verantwortlich war. Nach seiner Evakuierung im Jahr 2022 begann auch er, sich ein neues Leben in Nordrhein-Westfalen aufzubauen. Über Integrationsangebote erwarb er Deutschkenntnisse bis B2-Niveau und setzte sich als Ziel, sich auch in seiner neuen Heimat professionell für Bildung einzusetzen. Parallel gründete er mit ehemaligen Kolleg*innen die digitale Lernplattform Train the Teachers, um Lehrkräfte, insbesondere Frauen, in Afghanistan weiterhin digital fortzubilden. Heute arbeitet er als Lehrkraft und Jobcoach bei der Gesellschaft für Berufsförderung und Ausbildung (GEBA) mbH und unterstützt Geflüchtete beim Einstieg in Ausbildung und Arbeitsmarkt. Für seinen erfolgreichen Masterabschluss und sein soziales Engagement wurde er 2025 sogar mit dem DAAD-Preis ausgezeichnet, eine Initiative des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für internationale Studierende und Promovierende an deutschen Hochschulen. „Für mich spiegelt diese Auszeichnung sowohl die Herausforderungen wider, die ich gemeistert habe, als auch meinen stetigen Einsatz für Bildung, Integration und gesellschaftliches Engagement seit meiner Ankunft in Deutschland. […] Der DAAD-Preis ist nicht nur ein persönlicher Erfolg, sondern auch eine starke Motivation, meine Arbeit im Bereich Bildung und soziale Entwicklung fortzusetzen.“

Meiner Erfahrung nach – sowohl in Afghanistan als auch hier in Deutschland – verändert der Zugang zu Bildung das Leben. 
– Husna Asadi

Husna Asadi stammt aus der Provinz Balkh und lebt heute in Frankfurt am Main. In Afghanistan arbeitete sie nach ihrem Masterabschluss als Projektkoordinatorin bei ANAFAE. Doch mit dem Regierungswechsel konnte sie ihrer Arbeit, die ihr auch berufliches Wachstum und Weiterbildungen ermöglicht hatte, nicht mehr nachgehen und sah ihre berufliche Zukunft sowie ihre Träume mit einem Mal gestoppt. Nach ihrer Ankunft in Deutschland organisierte die lokale Volkshochschule eine Willkommensveranstaltung für alle Evakuierten und sorgte für passende Integrations- und Sprachkurse. „Der vhs-Integrationskurs war für mich sehr hilfreich. Er hat mich nicht nur beim Erlernen der Sprache unterstützt, sondern mir auch geholfen zu verstehen, wie ich mich in die deutsche Gesellschaft integrieren kann. Die Lernatmosphäre war sehr freundlich und unterstützend. Dies hat mir viel Stress erspart und mir ermöglicht, meiner Zukunft in Deutschland optimistischer entgegenzublicken.“ Auch heute spielt lebenslanges Lernen noch eine wichtige Rolle in Husnas Leben: „Lebenslanges Lernen hilft mir, motiviert zu bleiben, Selbstvertrauen aufzubauen und mich auf neue Chancen vorzubereiten, sodass ich mich auch in schwierigen Zeiten beruflich und persönlich weiterentwickeln kann. […] Meiner Erfahrung nach – sowohl in Afghanistan als auch hier in Deutschland – verändert der Zugang zu Bildung das Leben.“

Auch Sayed Mohibullah Mohib, Mitte dreißig, ist beruflich im Bildungsbereich geblieben und lebt heute in Steinfurt. Bei ANAFAE erwarb er neben seiner Lehrtätigkeit international anerkannte Qualifikationen. Durch sein Engagement erhielt ANAFAE als erster Bildungsträger in Afghanistan die Lizenz für das international anerkannte TESOL‑Programm zur Qualifizierung von Englischlehrkräften. Sein Weg nach Deutschland war von Unsicherheit, aber auch von Hoffnung geprägt. Nach seiner Ankunft priorisierte er Integration, berufliche Orientierung und den Neuaufbau seines Lebens. Heute unterrichtet er selbst Englisch auf B1-Niveau an der vhs Steinfurt. Zusätzlich absolvierte er seinen Masterabschluss und war ebenfalls Teil beim Aufbau der digitalen Lernplattform Train the Teachers. Darüber hinaus engagiert er sich ehrenamtlich und unterrichtet unter anderem Deutsch auf A2-Niveau, um aktiv Integrations- und Erwachsenenbildungsprozesse zu unterstützen. „Aus meiner Sicht ist Erwachsenenbildung für die gesellschaftliche Entwicklung unverzichtbar, da sie Menschen stärkt, den sozialen Zusammenhalt fördert und gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht“, so Sayed. „Sie eröffnet Bildungschancen, unterstützt Integration und vermittelt Kompetenzen für den Umgang mit gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und technologischem Wandel.“


Erwachsenenbildung verbindet

All diese Geschichten zeigen eindrucksvoll, wie Fachkräfte der Erwachsenenbildung nicht nur integriert werden, sondern selbst zu tragenden Säulen lokaler Bildungsstrukturen werden können. Sie zeigen auch, was Erwachsenenbildung leisten kann: Sie qualifiziert, befähigt und stabilisiert, besonders in Krisenzeiten und im Neubeginn. Wer einst Lernräume in Afghanistan stärkte, gestaltet heute Integrationskurse, Sprachprogramme und berufliche Orientierung in Deutschland mit. Erwachsenenbildung wird damit zu einer Brücke – zwischen Ländern, Biografien und zwischen Vergangenheit und Zukunft. In einer Welt politischer Umbrüche und Krisen bleibt sie ein verlässlicher Anker: für Teilhabe, für Demokratie und für die Überzeugung, dass Lernen niemals endet.

 


* Diese vier Geschichten erzählen von erfolgreicher Integration im Rahmen des Ortskräfteprogramms. Doch bis heute warten noch viele Afghan*innen auf ihre versprochene Aufnahme oder erhalten unbegründete Absagen. Eine sichere Ankunft in Deutschland steht somit für viele Betroffene noch im Ungewissen.

Die Autorin

Eine junge Frau blickt lächelnd in die Kamera

Emily Heisterkamp

Emily Heisterkamp ist Werkstudentin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit für den DVV und DVV International.